4. Ameranger Disput 2009: Weniger Wohlstand – und doch zufrieden?
Wohlstand in Zeiten sinkenden Wirtschaftswachstums.
Wie viel materiellen Wohlstand braucht der Mensch zu seinem Glück?
Wie viel materiellen Wohlstand braucht der Mensch zu seinem Glück? Über diese Fragen streiten Experten seit langem. Während die einen meinen, der materielle Wohlstand müsse ständig zunehmen, damit die Menschen glücklich und zufrieden sind, meinen andere, es gäbe Schwellenwerte, jenseits derer die Menschen Glück und Zufriedenheit zunehmend durch nicht-materielle Wohlstandsformen erlangen.
Die Politik, so Ernst Freiberger in der Eröffnungsrede des 4. Ameranger Disputs, folgt nach wie vor fast ausschließlich der ersten Sichtweise. Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise fördert sie mehr denn je das Wachstum, ohne die langfristigen Folgen dieser Vorgehensweise zu berücksichtigen.
Die Bevölkerung denkt und fühlt hingegen bereits wesentlich differenzierter, wie Pro-fessor Dr. Meinhard Miegel, wissenschaftlicher Leiter des Ameranger Disputs und Vorstand des Denkwerks Zukunft, bei der Präsentation erster Ergebnisse einer vom Institut für Demoskopie Allensbach für die Ernst Freiberger-Stiftung durchgeführten Umfrage unterstrich. Demnach hängt die allgemeine Lebenszufriedenheit zwar in hohen Graden ab von der subjektiven Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage. Lebenszufriedenheit ist aber für die wenigsten gleichbedeutend mit „Wohlstand“, „gutem Leben“ oder gar „Lebensglück“. Quer durch alle sozialen Schichten treten hier materielle Komponenten deutlich zurück. Ein gutes und glückliches Leben ist für die meisten vor allem Gesundheit, finanzielle Sicherheit, sprich „das tägliche Brot“, gute Freunde, eine gelungene Beziehung, ein freies Land. Weitere Glücksquellen sind eine schöne Wohnung, eine intakte Familie, Naturverbundenheit, ein selbst bestimmtes Leben und Freude am Beruf. Kaum eine Rolle spielen hingegen ein hohes Einkommen, gutes Aussehen, Einfluss, Besitz und politisches Engagement.
Was aber folgt hieraus? Welche Bedeutung hat materieller Wohlstand für die Menschen, wenn dieser in Deutschland und anderen früh industrialisierten Ländern aufgrund zunehmender Ressourcenknappheit, steigender Umweltkosten, demographischer Alterung und anderem mehr künftig stagnieren oder sinken sollte? Welche Wirkungen auf Glück, Zufriedenheit und den sozialen Frieden sind dann zu erwarten?
Für Eckhard Janeba, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und einer der vier geladenen „Disputanten“, werden materielle Komponenten für die große Bevölkerungsmehrheit auch künftig eine bestimmende Kraft bleiben. Zwar machen steigende Einkommen nicht dauerhaft glücklicher, denn mit jedem Einkommenszuwachs steigen auch Ansprüche und Erwartungen. Um aber bei gegebenen Ansprüchen glücklicher zu werden, werden die Menschen genau deshalb mehrheitlich weiter nach materiellem Wohlstand streben. Verstärkt wird dies dadurch, dass der soziale Status nach wie vor stark von Einkommen und Besitz abhängt. Sinkender Wohlstand dürfte folglich zu Enttäuschungen führen. Das gilt insbesondere auch deshalb, weil Einkommensverluste wesentlich schwerer wiegen als Einkommensgewinne. Oder anders gesagt: Sinkende Einkommen machen wesentlich unglücklicher als steigende Einkommen glücklich machen.
Besonders groß, so Dr. Claus Schäfer, Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, dürfte die Enttäuschung bei der wachsenden Zahl von Menschen sein, die schon heute von sehr niedrigen Einkommen leben und somit einen „objektiven Mangel“ an materiellen Gütern haben. Weitere Einkommenseinbußen etwa für ALG II-Empfänger, Grundrentenbezieher und Niedriglohnempfänger stellen ein großes soziales Risiko dar, was sich nicht zuletzt in sozialen Unruhen niederschlagen könnte. Um diese zu vermeiden, müssen etwaige materielle Wohlstandseinbußen überproportional von denjenigen hingenommen wer-den, die heute über relativ hohe Einkommen verfügen. Weitere Maßnahmen müssen darauf abzielen, Einkommen und Beschäftigung zu sichern. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeitszeitgestaltung. Durch Arbeitszeitverkürzung, Sabbaticals, Elternzeit, Kurzarbeit und anderes mehr könnte Arbeit „gerechter“ verteilt werden. Zugleich bliebe mehr Zeit für Freunde, Familie und Freizeitaktivitäten, wodurch nicht-materielle Glücksquellen gestärkt werden könnten. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine grundsätzlich andere Politik. Diese muss wesentlich stärker als bisher regulierend eingreifen. Notfalls sollte sie die Menschen, etwa durch ein Verbot sehr langer Ar-beitszeiten, „zu ihrem Glück zwingen“.
Jan Delhey, Professor für Soziologie an der Jacobs-University Bremen und Mitglied der Arbeitsgruppe „Zufriedenheit“ des Ameranger Disputs, sah im Vergleich zu seinen beiden Vorrednern einen deutlich schwächeren Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und materiellem Wohlstand. Fünf Argumente sprechen seiner Meinung nach dafür, dass auch bei stagnierendem oder sinkendem Wohlstand die Lebenszufriedenheit der Menschen nicht abnehmen muss: (1) So haben insbesondere die Deutschen mehrheitlich bereits vergleichsweise postmaterialistische Wertvorstellungen. Wohlstand und Fortschritt bedeuten für sie vor allem Freiheit, Gerechtigkeit, Individualität und Toleranz. Das Rad des Wertewandels ist nicht so schnell zurückzudrehen. (2) Insbesondere wenn die Wohlstandsverluste nur allmählich eintreten, wird es nicht zu einer „Rematerialisierung“ von Sicht- und Verhaltensweisen kommen. (3) Dies zeigt sich auch daran, dass die Deutschen schon seit gut einem Jahrzehnt mit real stagnierenden Einkommen leben, ohne dass ihre Lebenszufriedenheit gesunken wäre. Sie haben ihr materielles Anspruchsniveau bereits gesenkt, weshalb sie auch künftig weniger anfällig für Enttäuschungen sein werden. (4) Zumal sie wichtige materielle „Bedürfnisse“ – etwa das nach Mobilität – weiterhin befriedigen werden können. Abstriche werden sie (lediglich) bei ihren „Wünschen“ – etwa nach dem 7er BMW – vornehmen müssen. (5) Wenn es schließlich gelänge, auch bei weniger materiellem Wohlstand eine „bessere“, das heißt vor allem eine vertrauensvolle und aktive, Gesellschaft zu werden, könnte das Zufriedenheitsniveau gegebenenfalls sogar steigen. Hier ist jeder Einzelne gefordert. Der Staat sollte dieses Engagement durch geeignete Rahmenbedingungen unterstützen.
Professor Dr. Erich Witte, Leiter des Instituts für Sozialpsychologie der Universität Hamburg und ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe „Zufriedenheit“, betonte, dass Menschen wesentlich stärker nach Sicherheits- und Freiheitswerten als nach egozentrischen und hedonistischen Werten streben. Deshalb sah auch er in sinkendem materiellen Wohlstand keine Gefahr für Lebenszufriedenheit und sozialen Frieden, solange bestimmte Mindestkriterien erfüllt sind: Beispielsweise darf die Abnahme nicht zu abrupt sein und gewisse Schwellenwerte nicht unterschreiten, die Verteilung der Verluste muss als gerecht empfunden werden (was nicht heißt, dass die Verluste gleich verteilt sein müssen) und die Menschen müssen eine gewisse materielle (Planungs-)Sicherheit haben. Darüber hinaus ist es von zentraler Bedeutung, dass die Gesellschaft neue Wertmaßstäbe entwickelt. Hierfür muss insbesondere die Politik Orientierung geben. Dies setzt voraus, dass sie sich von ihren bisherigen, überwie-gend ökonomischen Zielgrößen (BIP, Löhne, Rentenniveau) löst. Denn unter Bedingungen sinkenden materiellen Wohlstands wird sie diese immer seltener gewährleisten können („Vermeidungsziele“). Regelmäßige Misserfolge werden zu Frustration in der Bevölkerung führen. Stattdessen sollte die Politik positive nicht-ökonomische „Erreichungsziele“ formulieren. Ein solches Ziel wäre etwa ein langes und glückliches Leben für möglichst alle Bürger. Da dieses von weit mehr als ökonomischen Kriterien abhängt, nimmt der Gestaltungsspielraum zu. Erfolge einer solchen Politik können durch Veränderungen bei Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit gemessen werden.
Im anschließenden Disput zwischen den Referenten, an der sich auch die geladenen Gäste intensiv beteiligten, wurde darüber hinaus deutlich, dass die künftige Entwicklung von Lebenszufriedenheit und sozialer Stabilität wesentlich auch davon abhängen wird, worauf die zu erwartenden materiellen Wohlstandsrückgänge zurückzuführen sind. Sollten diese in erster Linie das Ergebnis einer weitgehend unveränderten Fortführung des bestehenden Wirtschafts- und Wachstumsmodells mit stark zunehmender Ressourcenknappheit, erheblichen Umweltschäden, sozialer Degradation, internationalen Konflikten und ähnlichem sein, wird dies zu massiver Unzufriedenheit führen. Sind sie hingegen das Resultat eines sozial und ökologisch nachhaltigen Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft, dürfte dies das Wohlergehen der Menschen nicht wesentlich beeinträchtigen, bestenfalls sogar erhöhen.
Dabei bestand jedoch Uneinigkeit darüber, welche Zeiträume für einen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stehen, wie umfangreich dieser Umbau ist und mit welchen Maßnahmen er erreicht werden kann. Grob lassen sich zwei Positionen unterscheiden:
Die Vertreter der ersten Position sahen eine lange „Übergangsphase“, bevor Wirtschaft und materieller Wohlstand stagnieren oder schrumpfen. Bis dahin sollte alles unternommen werden, weiterhin (materielles) Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Dieses ist Voraussetzung für die Integration der nach wie vor großen Zahl wirtschaftlich Schwacher, den Erhalt internationaler Wettbewerbsfähigkeit, die Bewältigung des demographischen Wandels sowie die Sanierung von Staatshaushalt und sozialen Sicherungssystemen. Erreicht werden muss dieses Wachstum sowohl durch eine ausgeprägte Weltmarktorientierung mit innovativen Produkten als auch eine Stärkung der Binnennachfrage. Technologische Innovationen und Effizienzsteigerungen sind die entscheidenden Stellschrauben, um Ressourcen und Umwelt schonender zu wirtschaften.
Hingegen drängt für die Vertreter der zweiten Position die Zeit. Technologische Innovationen sind wichtig, sie werden aber trotz aller Anstrengungen mit großer Wahr-scheinlichkeit nicht schnell genug zur Verfügung stehen, um weitere materielle Wohlstandszuwächse zu generieren, die Versorgung mit wichtigen Ressourcen sicher zu stellen und vor allem den ökologischen Kollaps abzuwenden. Hinzu kommt, dass die Wachstumsfokussierung der westlichen Gesellschaften immer mehr Menschen überfordert und soziale Netzwerke zerreist. Daher muss zügig umgesteuert werden. Soziale Sicherheit, ein hohes Beschäftigungsniveau, ausgeglichene Staatshaushalte und nachhaltiges Wirtschaften müssen auch mit weniger oder ohne Wirtschaftswachstum gewährleistet werden. Dies erfordert den Umbau quasi aller Systeme, von der Renten- und Krankenversicherung bis zum Arbeitsmarkt, die umfassende Mobilisierung aller sozialen Ressourcen sowie eine stärkere Hinwendung zu nicht-materiellen Formen des Wohlstands. Letzten Endes geht es um einen grundlegend neuen Lebensstil, der das in den Mittelpunkt stellt, was die Menschen wirklich glücklich und zufrieden macht.
PDF-Download:
Umfrage über den Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Lebenszufriedenheit, „Das Easterlin-Paradox“ - Institut für Demoskopie Allensbach
