3. Ameranger Disput: Familie und Liebe – Abschlussveranstaltung
Liebe und Familie: Schluss mit alten Denkmustern
Geburtenrückgang, Überalterung, Anstieg von Scheidungen, Alleinerziehenden und Patchworkfamilien, neue Rollen für Frau und Mann: Welche Bedeutung besitzt im derzeitigen gesellschaftlichen Umbruch die Familie, eng verbunden mit Werten wie Liebe und Fürsorge? Diese Frage untersuchen im Auftrag der Ernst Freiberger-Stiftung weltweit 34 Wissenschaftler, die ihre Studien in einem 2011 erscheinenden Buch zusammenfassen. Erste Ergebnisse standen im Mittelpunkt der Abschlussveranstaltung zum dritten „Ameranger Disput“.
„Wir müssen in der Familienpolitik eingetretene Pfade und Normen des Denkens verlassen“, ist der wissenschaftliche Leiter des Disputs, Professor Dr. Hans Bertram von der Humboldt Universität Berlin, überzeugt. Radikal folgte der Philosoph und Bestsellerautor Dr. Richard David Precht („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) dieser Aufforderung. Precht appellierte dafür, „den Kult“ um die klassische Kleinfamilie als Ideal des Zusammenlebens kritisch zu hinterfragen. „Die Ansprüche sind zu hoch gehängt“, ist Precht überzeugt – auch angesichts der Tatsache, dass nach wie vor das Klischee der romantischen Liebe als Basis von Bindungen verfolgt werde. Verliebte leben nach Erkenntnissen der Biochemie jedoch in einem von zwei Botenstoffen ausgelösten Zustand der Erregung und Gelassenheit – eine Gemütsverfassung, die maximal drei Jahre lang aufrechterhalten bleibt. Die erhöhten Erwartungen an lebenslange Verliebtheit haben sich als Fiktion im 20. Jahrhundert endgültig festgesetzt in den Köpfen der Menschen, betonte Precht. Wie eine Religion werde mittlerweile die große Liebe verehrt, zerbreche jedoch oft an den Erwartungen. Familie muss deshalb neu gestaltet werden, ist Precht überzeugt. Sie bestehe heute nicht allein aus Blutsverwandten, sondern werde durch ein Netzwerk an fürsorglichen Freundschaften ergänzt.
Aufräumen mit alten Denkmustern: Diesen Schritt vollzogen auch hochkarätige Referenten aus Soziologie, Bevölkerungsökonomie und Psychologie, die familiäre Fürsorge in einen internationalen Kulturvergleich stellten. In Deutschland muss nach Bertrams Überzeugung auch mit dem Klischee des Alterns, das Senioren vor allem als Leistungsempfänger von Pflege betrachtet, aufgeräumt werden. Die längere Lebenszeit in relativer Gesundheit stellte sich beim Disput als Gewinn heraus, weil die Gesellschaft von den Ressourcen aktiver Senioren profitieren kann.
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